Die deutsche Hauptstadt kann einem schon einmal vorkommen wie ein Entwicklungsland: Berlin ist halt doch ein bisschen wie Afrika

Kurzfassung

Berlin ist halt doch ein bisschen wie Afrika

Unter den Brücken liegen Obdachlose mit roten Köpfen, die kalte Ravioli aus Büchsen essen, dazu Wodka trinken und an der nächsten Ecke urinieren. Rentner leuchten mit Taschenlampen in Abfallkübel und fischen Dinge heraus. Andere gucken gar nicht erst hinein, sondern erwühlen sich Verwertbares mit der baren Hand. Von Benedict Neff. Weiterlesen auf nzz.ch

Berlin ist halt doch ein bisschen wie Afrika

Die deutsche Hauptstadt kann einem schon einmal vorkommen wie ein Entwicklungsland. Für Neuzugezogene wirkt das wie ein Kulturschock. Für einen Journalisten ist die Stadt aber ein Paradies: Missstände, wohin das Auge reicht. Über das Ankommen im Berliner Sumpf und ein Leben in der Stadt der Toleranz.
Benedict Neff, Berlin

Ich kann mich gut an meinen ersten Tag in Berlin erinnern. Ich stand früh auf, um Erledigungen zu machen: ein Gang zu Post und Bank, zu Telefonanbieter und Meldeamt. Was man halt so macht, wenn man ankommt. Ich war dann aber sehr bald wieder zu Hause. Es stellte sich heraus, dass die meisten Dienstleistungen um neun Uhr noch nicht angeboten werden. Daraufhin bestellte ich einen Elektriker. Der Mann war zu meiner Überraschung auch wirklich schnell im Haus und von meiner Lampe geradezu begeistert, wie er mehrfach betonte. Kurz nachdem er gegangen war, funktionierte in der Wohnung allerdings kein einziges Licht mehr. Auch später erwies sich in der deutschen Hauptstadt vieles als kompliziert. So ist man in Berlin zwar angehalten, sich innert weniger Tage beim Bezirksmeldeamt zu zeigen. In der Praxis dauert es aber Monate, bis man überhaupt einen Termin bekommt.

Deutschland, gerechterweise muss ich von Berlin sprechen, hatte mich in den ersten Tagen schockiert. Es schien mir fast so, als würde ich, der eben erst Zugereiste, deutsche Tugenden (Ordnung, Pünktlichkeit, Tüchtigkeit) besser verkörpern als meine Nachbarn. Wenn ich mit Freunden in der Schweiz telefonierte, polemisierte ich gegen meine neue Umgebung: Es sei wie in einem Entwicklungsland, rief ich aus, wie in Afrika (das ich eigentlich gar nicht kenne), und dass nichts funktioniere und so weiter. Daran hat sich in der Zwischenzeit natürlich nichts geändert, aber ich habe mich schon ein bisschen daran gewöhnt.

Von aussen betrachtet

Ein älterer Kollege, der für Reportagen um die halbe Welt gereist ist, sagte mir einmal: «Am Anfang siehst du in einer neuen Umgebung alles klar, nach zwei Tagen kannst du eigentlich schon wieder nach Hause, dann verwischen sich die Eindrücke, weil bereits die Gewöhnung einsetzt.» Das mag stimmen. Nur, als Korrespondent kann man nicht gleich wieder abreisen, man muss sich nur schon berufsbedingt den fremden Stamm etwas genauer anschauen.

Der Blick wird auf Dauer vielleicht etwas weniger scharf, aber immerhin ein bisschen gerechter. Und natürlich hat das alltägliche Scheitern Berlins auch Vorteile, wie ich heute weiss: Die Behörden sind nicht in der Lage, Rauchverbote durchzusetzen. Der neue Flughafen scheint nie gebaut zu werden, was mir eine lange Anfahrt erspart. Nicht zuletzt ist die Stadt eine journalistische Ressource.

Als Mensch und gerade als Schweizer erlebe ich in Berlin immer noch allerhand. Ich muss vielleicht erwähnen, dass ich mit einer starken schweizerischen Färbung Hochdeutsch spreche. Alles andere käme mir anbiedernd vor. Meine Herkunft ist also für die meisten Leute klar erkennbar. Mit zum Schönsten gehört die Bemerkung: «Warum sprechen Sie immer noch nicht Deutsch?» Wenn ich dann sage, dass meine Sprache auch Deutsch sei, aber halt nicht Fernsehdeutsch, gucken die Leute ungläubig.

Ein Freund meinte einmal, meine Art zu reden sei Ausdruck meines Unwillens zur Integration in Deutschland. Das stimmt sogar so halb: Gewissermassen möchte ich meinen Blick von aussen bewahren. Assimilation, so denke ich, wäre für einen Korrespondenten – zumindest aus journalistischer Sicht – eine Todsünde.

Aber auch ich habe Anpassungsleistungen vollzogen. Zum Beispiel sage ich kaum mehr «grillieren» oder «parkieren» (sondern: «grillen» und «parken»). Auch fahre ich nur noch selten Velo auf dem Trottoir. Die täglichen Massregelungen meiner ersten Monate in Berlin haben gewirkt.

Generell bin ich in Berlin robuster geworden. Ich vermute, dass ich in den vergangenen drei Jahren in öffentlichen Verkehrsmitteln mehr Rippenstösse und Tritte auf die Füsse bekommen habe als in meinem gesamten Leben zuvor. An ungehobeltes Verhalten und eine gewisse Rauheit im öffentlichen Umgang muss man sich gewöhnen. Wenn ich in meinen Anfängen hier Reklamationen geäussert habe, wurden diese oft nicht verstanden oder sogar als etwas umständlich vorgetragene Komplimente interpretiert. In Berlin muss man sagen, was man will; das funktioniert mit «hätte gern», «ein bisschen» und «vielleicht» eher schlecht. Diese Phänomene haben vor allem mit Berlin zu tun, während sich die Sitten in anderen Landesteilen verfeinert haben und auch eine andere Geschäftigkeit herrscht. Man denke an München, Stuttgart, Hamburg, ja selbst an Leipzig.

Der authentischste Ort der Welt?

An Tagen, an denen ich Berlin wieder einmal genauer anschaue, fast so wie in meiner Anfangszeit, stimmt mich die Stadt eher melancholisch. Unter den Brücken liegen osteuropäische Obdachlose mit roten Köpfen, die kalte Ravioli aus Büchsen essen, dazu Wodka trinken und an der nächsten Ecke urinieren. Gepflegte Rentner leuchten mit kleinen Taschenlampen in Abfallkübel und fischen vorsichtig Dinge heraus. Andere gucken gar nicht erst hinein, sondern erwühlen sich Verwertbares mit der baren Hand. Es gibt Abstufungen von Verwahrlosung, die man in Berlin daran erkennen kann, wie Menschen den Müll durchsuchen.

Eine Chirurgin, um die vierzig, aus Tübingen, meinte letzthin bei einem Abendessen, dass Berlin sie zwar in vielerlei Hinsicht anekle, aber dass sie sich nicht mehr vorstellen könne, irgendwo anders zu leben. Alle anderen und vor allem alle schöneren Orte kämen ihr künstlich vor. Berlin wäre demnach der authentischste Ort auf der Welt. Ich fand die Idee interessant, auch wenn sie mich nicht überzeugt.

Denn gerade in Berlin, so denke ich, machen sich viele Leute etwas vor. Die Stadt sei eine tolerante Stadt, heisst es immer. Je nach Bezirk kann aber eine Krawatte oder schon ein Hemd eine Provokation sein. Fragen wie «Arbeitest du in einer Bank?» sind in einer solchen Bekleidung durchaus erwartbar. Wer in einer Bar in Neukölln, Kreuzberg oder im Prenzlauer Berg über den Sinn oder Unsinn von Frauenquoten diskutieren will, sollte den Notausgang im Auge behalten. Es gibt Dinge, über die in dieser toleranten Stadt nicht diskutiert werden kann.

Berlin ist auch nicht eine Stadt der Jugend, wie es immer heisst. Es verhält sich eher so: Viele Vierzigjährige haben hier ihr Leben nach dem Studium einfach nicht angepasst; ihr Lebensrhythmus bleibt massgeblich bestimmt von Berauschung und Ausnüchterung.

Pulsierend kam mir Berlin jenseits des Nachtlebens auch nie vor. Ich habe mich immer eher über die Langsamkeit gewundert und über die Zeit, die hier so viele haben. Berlin ist eine Stadt wie für die Zeitverschwendung gemacht; was viele nicht wahrnehmen, bis sie es plötzlich merken, um dann unverzüglich abzureisen und ihre Familie und ihre Zukunft irgendwo anders zu planen. Nur nicht in Berlin.

Kurzum, anders als die Tübinger Chirurgin halte auch ich ein Leben ausserhalb von Berlin nach wie vor für denkbar und auch wünschbar. Denn mit der Gewöhnung – es ist paradox – setzt bald auch ein verstärktes Gefühl der Fremdheit ein. «Schweizer wird man im Ausland», sagte mir einmal Altbundesrat Christoph Blocher, nachdem er sich bei einem Interview skeptisch nach meinem Wohlergehen bei den Deutschen erkundigt hatte. Ich musste über den Spruch lachen, aber er kommt mir immer einmal wieder in den Sinn.

Als Schweizer ist man in Deutschland eher selten mit einer neutralen Haltung konfrontiert. Viele Linke verbinden mit der Schweiz vor allem Banken, Kapitalismus und Rosinenpickerei; ein unangenehmes Abseitsstehen von der Welt zum eigenen Vorteil. «Habt ihr eigentlich auch Flüchtlinge in der Schweiz?», werde ich gelegentlich gefragt. Manche Leute scheinen sich auch zu wundern, wenn ich über das Schweizer Sozialsystem spreche. Sie sind überrascht, dass es so etwas bei uns gibt.

Für viele Bürgerliche und Liberale ist die Schweiz hingegen das gelobte Land: tiefe Steuern, Sauberkeit, Ordnung, eine funktionierende Verwaltung. «Seien Sie froh, dass Sie Schweizer sind», höre ich oft. Oder: «Mein Sohn studiert an der HSG, der denkt nicht ans Zurückkommen!» Diese Leute glauben, dass die Schweiz alles besser macht als Deutschland. Manchmal würde ich gern entschieden widersprechen. Aber im Grunde kann ich die Selbstzweifel verstehen.

Mit dem Taxi immer sicher nach Hause

So ist es mir zum Beispiel auch ein Rätsel, warum die Berliner immer wieder die Sozialdemokraten wählen, obwohl diese hier nachweislich nichts auf die Reihe bekommen. Der amtierende SPD-Bürgermeister Michael Müller empfahl den Bürgern kürzlich, in gewissen Gegenden abends sicherheitshalber besser ein Taxi zu nehmen. Das ist eine typische Problembewältigung in Berlin: Der Altglas sammelnde Bürger soll in der Nacht ein Taxi nehmen, um sicher nach Hause zu kommen.

Im «Grill Royal», in einem noblen Restaurant in Berlin-Mitte, erklärte mir eine asiatische Künstlerin, dass all diese Phänomene damit zusammenhingen, dass Berlin auf Sumpf gebaut sei. Es fehle der Stadt das Fundament. Sie selbst könne deshalb auch immer nur für sehr kurze Zeit in Berlin leben. Dann müsse sie abreisen, um wieder Halt zu finden.

Mir war diese Analyse eindeutig zu esoterisch, und doch teile ich den Eindruck einer gewissen Haltlosigkeit. Ein deutscher Kollege von mir sagt überhaupt gerne, in Berlin könne man nur in Charlottenburg leben, weil es hier sehr viel bürgerlicher zu und her gehe als in den meisten anderen Stadtteilen. Es mag widersprüchlich klingen: Berlin ist eine Stadt voll Geschichte, aber ohne Tradition. Am ehesten findet man Traditionelles noch in Charlottenburg, wo es Restaurants und Läden gibt, die schon seit Jahrzehnten da stehen. Sonst geht die Stadt auf Distanz zu ihrer eigenen Geschichte, die fast immer auch eine problembehaftete Geschichte ist. Ich sehe das zwar nicht so apodiktisch wie mein Kollege, aber auch ich wohne in Charlottenburg.

Wenn ich bei seltener Gelegenheit heute noch über Berlin polemisiere, dann erwähne ich gern einen Artikel, den ich einmal in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» gelesen habe. Darin stand, dass der durchschnittliche Berliner Beamte 35,5 Tage krank sei im Jahr. Das heisst, zuzüglich seiner Ferien ist der Berliner Beamte mehr als drei Monate nicht im Büro. Das ist natürlich rekordverdächtig: Im südlichen Bayern fehlen Beamte lediglich zehn Tage im Jahr. Berlin ist ein Phänomen.

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