IS-Kämpfer in Deutschland Willkommen!

Sie kam als eine von 1100 schwer traumatisierten Jesidenfrauen nach Deutschland und traf hier auf den IS*-Mann, der sie im Irak auf dem Sklavenmarkt verkauft hatte. Sie wandte sich an die Polizei um Hilfe und Schutz, doch als diese nichts gegen den Mann unternahm, ging Aschwak zurück in den Irak – wo sie auch nicht sicher ist.

„Das schlechteste Ergebnis, das man erreichen kann“

„Da ist aus unserer Sicht schon sehr viel schief gelaufen“, bemerkt Zemfira Dlovani, stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden, gegenüber Sputnik. „Hier hat es ein offensichtliches Versagen von allen Seiten gegeben. Ist es tatsächlich so gewesen, dass man da keinerlei Ermittlungen aufgenommen hat nach ihrer Aussage, dass sie ihren Peiniger hier getroffen hat? Hat man ihr tatsächlich nicht die nötige Hilfe geboten? Wenn all das sich bestätigt, dann, denke ich, haben wir hier versagt.“

Abgesehen von einer Prüfung und Aufarbeitung dieses Falles müsste nun dafür gesorgt werden, dass sich solche Fälle nicht wiederholen.

„Sollten die Aussagen des Mädchens stimmen, dann wäre dieser Jemand einer terroristischen Organisation, dem sogenannten IS, bis nach Syrien gefolgt, hätte dort Straftaten begangen, und das Ganze hat natürlich strafrechtliche Konsequenzen. Hier müsste der Staat dann durchgreifen. Das ist die Erwartung, die wir haben“, sagt Dlovani.

Die stellvertretende Vorsitzende findet auch besonders bitter, dass durch solche Ereignisse alle Bemühungen um die Jesidinnen zunichte gemacht werden: „Man hat sehr viel Arbeit geleistet, damit die Mädchen im Rahmen dieses Kontingents überhaupt hierher kommen. Dann ist es sehr kontraproduktiv, wenn genau diese Frauen hier diesen Schutz nicht bekommen, den sie sich wünschen und sich nicht wohl genug hier fühlen oder Ängste haben und dann freiwillig wieder das Land verlassen. Das ist eigentlich das schlechteste Ergebnis, was man erreichen kann.“

Eins ist für Dlovani sicher: „Das muss ganz schlimme Ängste in ihr hervorgerufen haben, Erinnerungen. Ich will mir nicht vorstellen, wie es ihr da psychisch ging nach diesem Treffen. Und dann hat sie um Hilfe gebeten und die Hilfe, die sie sich erhofft hat, nicht bekommen. Das ist, glaube ich, noch schlimmer, als den Peiniger zu treffen. Deswegen ist sie ausgereist.“

Ebenfalls traurig sei es, dass der Zentralrat das Ganze erst jetzt erfahre:

„Wir hätten natürlich gern im Vorfeld darüber schon Kenntnis gehabt, dann hätten wir vielleicht auch helfen können und vielleicht auch dafür sorgen können, dass die Aschwak doch hier in Deutschland bleibt. Wir haben gestern mit ihr gesprochen und auch noch mal gefragt, ausdrücklich, ob sie noch einmal nach Deutschland kommen will, und das hat sie ausdrücklich verneint.“

Jetzt will der Zentralrat auch der Frage nachgehen, ob es weitere solche Fälle gibt und ob noch andere Frauen wegen solcher Begegnungen das Land verlassen haben.

„Aschwak ist kein Einzelfall“

„Als Frau ist Aschwak ein Einzelfall, der uns bekannt geworden ist. Aber viele ehemalige IS-Kämpfer, die mit abertausenden Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak nach Deutschland gekommen sind und sich in Deutschland bewegen – das sind keine Einzelfälle“, betont Mehmet Tanriverdi, der stellvertretende Vorsitzende der Kurdischen Gemeinde in Deutschland gegenüber Sputnik. Die Gemeinde habe von solchen Situationen gehört. Ihre Mitglieder hätten öfters IS-Kämpfer unter den Flüchtlingen gesehen und erkannt. Aus der Perspektive gilt für ihn: „Aschwak ist sicherlich kein Einzelfall.“

Das sei auch nicht zu erwarten gewesen, denn: „Über eine Million Flüchtlinge kam innerhalb von zwei Jahren nach Deutschland, 70 bis 80 Prozent von ihnen aus arabischen Ländern, vor allem Syrien. Die meisten geben sich als Oppositionelle aus. Wenn man die Kurden abzieht unter den Flüchtlingen, sind mehr als die Hälfte arabisch-sunnitische Menschen, und die haben den IS unterstützt. Es ist bekannt, dass IS-Kämpfer unter ihnen sind. Das wundert uns nicht“, erklärt Tanriverdi.

Was die Kurdische Gemeinde dagegen wundert, ist die Arbeit von Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst sowie anderer Verantwortlicher.

„Uns wundert, dass sie hier nicht aktiv werden und die Täter in Haft nehmen und auch die Bundesanwälte nicht aktiv geworden sind.“

Im Fall Aschwak sei immerhin eine Anzeige erstattet und ein Phantombild erstellt worden. Dass das nicht weiter verfolgt wurde, wundere die Gemeinde. Dass man dafür erst das Video aus dem Ausland gebraucht habe, findet der stellvertretende Vorsitzende „sehr traurig“.

Überhaupt erscheint die Arbeit der Organe bei diesem Thema sonderbar. „Es gibt kaum Fälle, die in der Öffentlichkeit bekannt sind, dass gegen den IS ermittelt wird. Es ist immer von Gefährdern die Rede, immer von Rückkehrern, deutschen Staatsbürgern, die sich dem IS angeschlossen haben und wieder zurückkehren wollten oder Angehörigen von IS, die sich in kurdischer Gefangenschaft befinden, die man zurückholen will. Aber von IS-Leuten, die sich hier unter den Flüchtlingen getarnt haben oder andere Namen ausgesucht haben, hören wir wenig. Wir haben das Gefühl, dass zu wenig gemacht wird“, lautet das Urteil Tanriverdis.

Seine Forderung: „Wir wollen, dass genauer geprüft wird.“ Die Dokumente müssten besser geprüft werden, auch auf ihre Echtheit hin. Außerdem müsste enger mit Betroffenen zusammengearbeitet und diesen mehr Schutz gewährt werden.

(Sputnik)